Barré-Griffe klappen nicht – liegt es wirklich an Kraft?
Wenn Barré-Griffe nicht klingen, liegt es selten daran, dass deine Hand „zu schwach“ ist. Meist drückst du an der falschen Stelle zu viel — und an der wichtigen Stelle zu wenig.
Natürlich gehört schon ein gewisser Muskelaufbau dazu. Insbesondere der Daumenmuskel muss den Gegendruck stemmen können, denn die nötige Power aus einer Scherung des Arms oder mit Hilfe der Schulter auf die Bünde zu bringen tut nur so, als wäre es die Lösung. Stattdessen ist es viel sinnvoller (und erfolgsträchtiger) mit den richtigen Winkeln zu arbeiten. Damit reduzierst du die Anzahl der beteiligten Muskeln, und hast eine viel bessere Verteilung.
Viele Anfänger glauben, Barré-Griffe seien vor allem eine Kraftfrage. In Wirklichkeit scheitern sie oft an Druckverteilung, Daumenposition, Armzug, Fingerwinkel und falscher Übestruktur.
Inhaltsverzeichnis
- Barré-Griffe klappen nicht – liegt es wirklich an Kraft?
- 1. Barré ist kein Schraubstock
- 2. Der Daumen ist oft der Hauptfehler
- 3. Beginne mit einem Kapodaster
- 4. Der Zeigefinger muss leicht gedreht werden
- 5. Nicht alle Saiten brauchen gleich viel Druck
- 6. Barré zuerst als Klangtest, nicht als Songgriff üben
- 7. Mini-Übung: 5-Saiten-Barré
- 8. Saitenlage und Gitarre können schuld sein
- 9. Schmerzen sind ein Warnsignal
1. Barré ist kein Schraubstock
Viele drücken den Zeigefinger brutal aufs Griffbrett. Dadurch verkrampft die ganze Hand. Dabei ist es essentiell zu erlernen, dass die Finger unabhängig vom Zeigefinger agieren dürfen, und das auch müssen. In der Realität ist es bei den meisten Songs so, daß du die tiefste (Grund-) Note als erstes anschlagen musst, weil der Bass meist auf der "1" sitzt. Somit muss der Zeigefinger den Barré noch vor den anderen Fingern bilden können. Am effektivsten setzt du ihn kerzengerade in allen 3 Gelenken - und führst in Gedanken den Druck nicht mit dem Zeigefinger sondern mit dem Daumen aus. Denn den trainierst du schon in 2-3 Wochen!
Das absolute "no-go" ist, Mittel- und Ringfinger zur Versärkung des Zeigefingers einzusetzen. Der Zeigefinger muss das alleine können, denn die anderen Finger haben eigene Aufgaben.
Der Barré-Finger legt sich wie eine Schiene über die Saiten, aber die eigentliche Stabilität kommt aus der ganzen Arm- und Handposition, nicht nur aus Fingerkraft.
2. Der Daumen ist oft der Hauptfehler
Typische Fehler:
- Daumen zu weit oben über dem Hals
- Daumen liegt schräg oder rutscht weg
- Daumen presst dagegen wie bei einer Kneifzange
- Handgelenk knickt stark ab
Besser:
- Daumen ungefähr zwischen dem Zeige- oder Mittelfinger
- nicht zu hoch, nicht zu tief
- Gegendruck ja, aber nicht verkrampft
- Handgelenk möglichst entspannt
Der Daumen sitzt idealerweise in Winkel und Ausrichtung parallel zu den Bundstäbchen auf der Rückseite des Halses. Nicht gewinkelt, nur leicht gedreht (geht anatomisch nicht anders). Und in dieser Position - Zeigefinger vorne, Daumen hinten suchst du dir jetzt die eine Position bei der Du merkst, daß der dicke Daumenmuskel zu arbeiten beginnt. Dann liegst du genau richtig!
3. Beginne mit einem Kapodaster
Für einen leichteren Einstieg empfehle ich dir die Verwendung eines handelsüblichen Kapodasters (nein, nicht das Modell mit dem Gummiband, das ist furchtbar!). Du setzt den Capo auf den 5ten Bund, damit du z.B. den F-Dur Barré-Griff auf dem 6ten Bund bildest.
Das hat gleich 2 Gründe:
1.) der linke Arm führt ziemlich rechtwinklig zum Gitarrenhals, und die Schulter muss weder ausgestellt werden, noch ergibt sich ein Scherwinkel, wie es am ersten Bund der Mensur der Fall wäre.
2.) die Saitenspannung in Höhe des 6ten Bundes ist deutlich geringer als bei den ersten Bünden, du lernst also ein wenig komfortabler und vor allem: in der korrekten Hand- und Armhaltung!
4. Der Zeigefinger muss leicht gedreht werden
Viele legen den Zeigefinger flach mit der weichen Unterseite auf. Dort sind aber Falten und weiches Gewebe. Dabei passiert es leicht, dass ein Druckpunkt nicht funktioniert, weil eine der Saiten genau in einem der weicheren Gelenkabschnitte sitzt.
Besser:
- Zeigefinger minimal zur Außenkante drehen
- eher die knöcherne Seite verwenden
- nicht direkt mit den Fingerfalten auf den Saiten liegen
- kleine Winkeländerung kann sofort mehrere Saiten retten
5. Nicht alle Saiten brauchen gleich viel Druck
Bei einem E-Dur-basierten Barré-Griff (E-Dur Shape), z. B. F-Dur, müssen manche Saiten gar nicht stark vom Barré-Finger gedrückt werden, weil andere Finger sie greifen. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Wenn die anderen Finger mitdrücken, wird die Last vom Zeigefinger zwar schon reduziert, aber trotzdem muss der Zeigefinger irgendwann in der Lage sein, den Druck "allein" aufzubringen. Doch für deine ersten erfolgreichen Schritte ist es freilich toll, wenn dein F-Dur, F#-Dur so klingt wir er klingen soll.
Beispiel F-Dur:
- Zeigefinger muss besonders Saite 1, 2 und 6 kontrollieren
- Saiten 3, 4, 5 werden durch andere Finger gegriffen
- wer versucht, alle sechs Saiten gleich stark runterzudrücken, verschwendet Kraft
Nimm dir mal die Zeit und fühle, wieviel Druck jeder einzelne Finger tatsächlich aufbringen muss. Du wirst überrascht sein, wie wenig das eigentlich ist. Es fühlt sich nur so massiv an weil deine ungeübte Hand erwartet, mit allen Fingern gleichzeitig drücken zu müssen (Greifreflex). Das ist kein schneller Prozess - denn du musst entgegen deiner natürlichen Reflexe vorgehen. Mit 3-4 Wochen musst du durchaus rechnen, bis es in Fleisch und Blut übergegangen ist.
6. Barré zuerst als Klangtest, nicht als Songgriff üben
Viele üben Barré-Griffe sofort im Songtempo. Das ist zu schwer. Erfahrungsgemäß konditionierst du dich zuerst den Akkordaufbau, und erst danach das Tempo, den Beat zu priorisieren. Das ist natürlich kontraproduktiv.
Nimm dir die Zeit die es braucht, um deine Barré-Akkorde gekonnt hinzuklatschen, ohne dabei zu stolpern. Dauert ein wenig länger, spart dir aber auf lange Sicht viele Wochen an Umlern-Aktionen.
Besser:
- Griff langsam aufsetzen
- jede Saite einzeln anschlagen
- nur die stummen Saiten korrigieren
- nicht jedes Mal die ganze Hand neu verkrampfen
- danach erst Akkordwechsel im Timing üben
7. Mini-Übung: 5-Saiten-Barré
Statt sofort F-Dur über sechs Saiten:
- nur die oberen 5 Saiten barré greifen
- z. B. Zeigefinger lässt die tiefe E- Saite aus
- erst später alle sechs Saiten
Das macht das Thema für dich vielleicht kontrollierbarer. Mir persönlich fallen solche Halb-Barré-Griffe deutlich schwerer als Ganz-Barré-Akkorde. Das hat aber mit der Handgröße, Radius des Gitarrenhalses etc. zu tun und kann für den einen funktionieren, für den anderen nicht.
8. Saitenlage und Gitarre können schuld sein
Möglicherweise kämpfst du aber auch gegen eine schlecht eingestellte Gitarre oder schlicht und einfach gegen zu dicke Saiten. Gerade auf einer Akustik (Western-) Gitarre hat man schon gern mal einen .012er Saitensatz drauf, der dem Anfänger mehr Kraft abfordert, als er aufbringen kann.
Dabei gilt:
- zu hohe Saitenlage macht Barré-Griffe unnötig schwer
- dicke Saiten erschweren den Einstieg
- schlecht eingestellter Sattel kann F-Dur fast unmöglich machen
- Western-Gitarre mit harten Saiten ist schwieriger als gut eingestellte E-Gitarre oder Nylon-Klassik-Gitarre
Prinzipiell muss das aber nicht das eigentliche Problem sein. "Wenn der Hammer nicht trifft, ist der Nagel schuld" - oder anders gesagt: nicht immer ist die Gitarre dran schuld, wenn deine Barré Akkorde nicht funktionieren. Üben hilft in den meisten Fällen :-)
Nicht immer ist die Gitarre schuld — aber manchmal macht sie den Einstieg unnötig schwer.
9. Schmerzen sind ein Warnsignal
Fingerkuppen-Druck ist normal. Aber bei Barré gilt besonders:
- stechender Schmerz im Handgelenk: Pause
- Taubheit: Pause
- Ellenbogen-/Unterarmschmerz: Technik prüfen
- dauerhafte Verkrampfung: nicht „durchbeißen“, sondern Ruhepausen einbauen
Eine gute Regel dazu:
Barré darf anstrengend sein, aber er sollte nicht die Hand zerstören.
Du bist unsicher ob du das mit den Barré-Griffen richtig machst, oder brauchst eine Beratung?
Dann schick mir kurz eine Nachricht. Ich kann dir ehrlich sagen, ob ein kleiner Technik-Hinweis reicht oder ob persönliches Feedback sinnvoll wäre.


